Miller-Urey Experiment
ESA-Forschungsprojekt (ELIPS Programm)
Der Ursprung des Lebens auf der Erde und die Möglichkeit der Existenz von Leben außerhalb der Erde gehören zu den fundamentalsten Fragen in der modernen Wissenschaft. Vor mehr als 50 Jahren wurden die Ergebnisse eines Bahn brechenden Experiments veröffentlicht. Chemische Verbindungen, die unerlässliche Bausteine des Lebens sind, konnten unter den angenommenen Bedingungen auf der frühen Erde hergestellt wurden. In diesem Versuch gelang es Prof. Stanley Miller und Prof. Harold C. Urey 1953 an der University of Chicago, Aminosäuren aus einfachen Gasen wie Ammoniak, Methan, Wasserstoff sowie Wasser zu bilden, indem er das Gasgemisch Blitzentladungen aussetzte. Diese Gase galten zu diesem Zeitpunkt als Hauptbestandteile der frühen Erde. Neuere Forschungsresultate haben jedoch gezeigt, dass die Erdatmosphäre vornehmlich aus Gasen wie Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Stickstoff bestand, mit welchen die effiziente Bildung von Aminosäuren jedoch nicht möglich ist. Dieses Resultat ist insofern problematisch, da es nicht mehr die Erde als primäre Quelle für diese organischen Verbindungen annimmt.
Es besteht nun die Möglichkeit, dass organische Verbindungen und andere Moleküle wie Wasser durch Einschläge von Kometen und Meteoriten “von außen” zur Erde transportiert wurden. Dass solche Moleküle außerhalb der Erde existieren, wird durch astronomische Beobachtungen und die Analyse von Meteoriten bewiesen. Um jedoch herauszufinden, wo diese Moleküle außerhalb der Erde gebildet werden können, müssen Experimente unter Weltraumbedingungen durchgeführt werden.
Eine mögliche Umgebung ist die so genannte „Staubscheibe“, aus der sich die Planeten zu Beginn unseres Sonnensystems geformt hatten. In den kälteren äußeren Schichten dieser Scheibe kann angenommen werden, dass die Staubteilchen mit einer dünnen Eisschicht bedeckt waren. Die Gase in dieser Umgebung entsprachen auch der ursprünglichen Annahme des Miller-Urey Experiments. Führt man nun Energie in Form von Entladungen zu, die zwischen den Staubteilchen auftreten können, besteht die Möglichkeit, dass sich in den Eismänteln organische Moleküle bilden.
Um dies zu untersuchen, soll ein Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS durchgeführt werden, das diese Bedingungen nachbildet. Das Experiment wird mit dem umbenannnten russischen Transportraumschiff PROGRESS zur Raumstation gebracht werden. Das Experiment besteht aus sechs mit Peltierelementen gekühlten Edelstahlbehältern (8 cm Durchmesser), die zwei unterschiedliche Gasmischungen (Mischung 1: Wasserstoff, Methan, Ammoniak; Mischung 2: Kohlendioxid, Kohlenmonxid, Stickstoff) und sowie Staubteilchen (Siliziumoxid) mit Eismantel enthalten. Mit Hilfe einer Hochspannungsquelle werden die Blitzentladungen simuliert, durch welche die Staubteilchen über einen Zeitraum von mehreren Tagen durchschweben sollen. Ein Piezoelement-Schüttelsystem verhindert, dass sich Eis- und Staubpartikel an den Edelstahlwänden der Gasbehälter anlegen. Die Experimentelektronik umfasst die Hochspannungseinheiten und einen Überwachungs- und Steuerungscomputer mit Schnittstellen zur ISS-Telemetrie.
Ca. 200 Stunden an Experimentzeit sind an Bord der ISS vorgesehen. An Bord der Raumstation wird dabei MELFI (Minus Eighty Degree Laboratory Freezer) der ESA zum Einsatz kommen, um die Gascontainer für den Rücktransport herunter kühlen zu können. Nach dem Flug unter Schwerelosigkeit werden die Gasbehälter mit dem bemannten SOJUS-Raumschiff wieder zur Erde zurück gebracht und chemisch analysiert werden.
Der Prototyp des Experiments wurde im Auftrag der Europäischen Weltraumagentur ESA im Rahmen des ELIPS-Programms von Joanneum Research in Graz entwickelt. Der Beginn des Projekts war 2002.
Zur Vorbereitung auf dieses Weltraum-Experiment wurden in der Zeit vom 26. bis 28. Oktober 2004 Parabelflüge an Bord eines speziellen Airbus A300 der französischen Weltraumagentur CNES von Bordeaux aus erfolgreich durchgeführt. Sie führten zu wichtigen Erkenntnissen und Optimierungen des Experimentaufbaus. Pro Parabel können für fast eine halbe Minute Schwerelosigkeitsbedingungen erreicht werden. Im Oktober 2007 wurde das weiter entwickelte Testmodell in einem Fallturmexperiment bei ZARM in Bremen getestet, was zu einer weiteren Verbesserung des Experiments führte.
Am 13.12.2007 erteilte die ESA der Joanneum Research (Institut für Angewandte Systemtechnik) als Hauptauftragnehmer mit den Unterauftragnehmern TU Graz (Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation) und Verhaert Space (Belgien) den Auftrag für die Phase C/D des Miller-Urey Experiments, den Bau und Test der Qualifikations-, Trainings- und Flugmodelle. Der Flug zur internationalen Raumstation ISS, die im Februar 2008 um das europäische Modul COLUMBUS erweitert wird, erfolgt voraussichtlich im Herbst 2009.
Das Science Team umfasst Wissenschafter des International Space Science Institutes ISSI in Bern (Dr.Oliver Botta), des Institutes of Chemistry, Leiden (Prof. Pascale Ehrenfreund) und des Instituts für Geophysik und Meteorologie der TU Braunschweig (Prof. Jürgen Blum und Dr.Rainer Schräpler).
Das Experiment wird unter Unterstützung der Agentur für Luft-und Raumfahrt (ALR/FFG) realisiert. Das Gesamtprojektvolumen beträgt 2,53 Millionen Euro.
Kontakt:
Univ.-Prof.Dipl.-Ing.Dr. Otto Koudelka